White Cube - reloaded

Ein transitorischer Denkraum

Schnittstelle zwischen Gesellschaft und aktueller Kunst

 

Art occurs in your Head - Kunst ist keine Frage des Fortschritts

 


Das Manifest - Bausteine für einen Würfel
Wer einen Würfel bauen will, muss entweder würfeln oder tüfteln. Oder bauen. Das Würfeln freilich hat sich nicht bewährt. Immer kommt uns der Zufall dazwischen, wo doch planvolles Tun herangefächelt werden soll. Bisweilen ist die Musik des Zufalls reizvoll, etwa wenn Myriaden Wassertröpfchen sich vom Niagara stürzen, mittags, im Gegenlicht. Doch, nehmt alles nur in allem: Es genügt völlig, wenn schon das Leben der launischen Aleatorik folgt. Die Kunst, unsere Königin, möge sich von diesem Prinzip heimlich davonstehlen, vorzugsweise im Dunkeln. Nur die besonders Vorsichtigen mit ihren Nachtsichtgeräten werden es bemerken.
Doch schon sitzt der Prinz erneut in einer Patsche. Denn das Planen oder gar das Ausführen von Plänen ist seine Sache nicht. Er liebt es, sich selbst (seine Prinzipien, die betrunkenen Halunken) zu unterlaufen, ja zu unterspülen wie ein Sturzbach im Sommer, der die Brücke ins Wanken bringt. Sein subversives und unberechenbares Handeln verwirrt Hausangestellte und Kommunalpolitiker gleichermaßen. Ganz zu schweigen vom Entsetzen der Apotheker, die doch so sehr auf Verlässlichkeit bauen! 
Wenn wir gnädigerweise also „Bauen“ im weitesten Sinne als „Herstellen“ verstehen wollen, haben wir erneut mehrere Möglichkeiten. Wir können den Würfel aus einem Holzstamm schneiden, schnitzen, schaben, schleifen und polieren. Eine handwerklich anspruchsvolle Aufgabe! Dann können wir mit einem Spezialwerkzeug die Vertiefungen für die Ziffern 1-6 hinzufügen und mit Farbe markieren. Oder wir lassen in einer jener schäbigen Werkstätten am Rande der Stadt das Zielprodukt aus polymerem Schaumstoff zaubern. Mit der einhergehenden Luftverpestung würden wir leben müssen. Oder wir nehmen wie Schüler an trüben Herbstnachmittagen Papier, Klebstoff, Schnüre. Und Filzstifte zur numerischen Verzierung. 
Vielleicht ist das alles vergebne Liebesmüh. Vielleicht ist der Zauberwürfel nur ein Gebet für Blinde und Bettler -
Gut … Wir gehen anders vor, knüpfen eine beliebige Zahl roter Luftballons auf eine Schnur, stricken eine Doppelhelix, die den Raum durchflutet und durchstreift auf der Suche nach einem Gegenüber und rufen laut (wobei wir uns dreimal links- und zweimal rechtsherum drehen müssen): Der rote Ballon ist tot - es lebe der rote Ballon! Der Ballonist sei unser König! Und allein von diesem kräftigen Lufthauch erhebt sich die wunderliche Wurzel und flattert hinauf in die hochauf gestapelten Wolken. So ist es recht.
Und doch: Wo ist dann der Würfel? Ist er real? Ist er leer? Gibt es ihn nur in unseren verwinkelten Hirnen? Nein: In unseren wohlorganisierten Herzen entsteht die noble Gestalt. Der Würfel ist die Summe seiner Würfe. Und wenn die Wiese, auf der wir uns tummeln, abschüssig sein sollte, dann tollen und springen wir den Abhang hinunter, grüßen den verdoppelten Lenz und den dreifachen Georg und singen frivole Lieder.
Denn Gott würfelt nicht. Und ein Gott, den es nicht gibt, hat erst recht keinen Grund zu würfeln. Es würde ihm übel ausgelegt.
So sind wir denn glücklich und entsteigen dem weißen Kubus, diesem trojanischen Würfel!
Ein jeder wählt eine Ziffer als Ausgang und lacht sich eins und schüttelt den Staub von den Schultern.
Und lauthals rufe ich den Freunden aus luftiger Höhe entgegen:
"Ich bin ein Flughund. Ich bin kein entlaufener Würfel."
Text © Wernfried Hübschmann

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